Freistaat Thüringen baut zentrale Geodateninfrastruktur auf
Mit dem Geoproxy steht dem Freistaat Thüringen eine moderne Geodateninfrastruktur zur Verfügung: Dank zentraler Datenhaltung können registrierte Anwender rund um die Uhr auf einen einheitlichen, konsistenten und stets aktuellen Bestand an Geoinformationen zugreifen und für Planungs- und Entscheidungsprozesse nutzen.
Die Vermessungsverwaltungen der Bundesländer stellen unterschiedlichste Geobasisdaten wie etwa Liegenschaftsinformationen, topographische Karten, digitale Höhenmodelle und Luftbilder über das Web bereit. Alle behördlichen Ebenen der öffentlichen Verwaltung (Kommunen, Landes- und Bundesbehörden) sowie Bürger und Unternehmen nutzen die Daten.
Aber nicht nur die Vermessungsverwaltungen, auch andere Ämter liefern zahlreiche Geoinformationen wie zum Beispiel aktuelle Umweltdaten. Das hat zur Folge, dass die Datenbestände auf verschiedene Behörden und IT-Systeme verteilt sind. Darüber hinaus arbeiten die einzelnen Ämter mit eigenen Servern, Datenbanken und behördenspezifischer Software, was einen einheitlichen und schnellen Zugriff weiter erschwert.
Um das volle Potenzial von Geodaten für Entscheidungsprozesse in der öffentlichen Verwaltung sowie in der Wirtschaft auszuschöpfen, bietet es sich an, die Informationen zentral vorzuhalten und in einem gemeinsamen Geoportal zu bündeln. Auf dieses können dann sämtliche Behörden sowie externe Anwender via Internet zugreifen.
Internetplattform Geoproxy entsteht
Diesen Weg geht der Freistaat Thüringen: Das Bundesland realisierte eine zentrale Geodateninfrastruktur, die alle verfügbaren Geoinformationen bündelt und bereitstellt. Zuständig für die Umsetzung des Projekts ist das so genannte Erweiterte Interministerielle Koordinierungsgremium – Geoinformationszentrum (IKG-GIZ), eine Arbeitsgruppe aus verschiedenen Thüringer Landes- und Kommunalstellen unter Federführung des Ministeriums für Bau, Landesentwicklung und Medien (TMBLM). Das Gremium gab im Jahre 2005 eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Ziel war die Schaffung einer offenen und Dienste-basierten Architektur mit einem zentralen Geodatenserver als Herzstück. Die neue Infrastruktur sollte in die bestehende Serviceplattform eingebettet werden, auf der die Thüringer Landesverwaltung bereits verschiedene eGovernment-Dienste zur Verfügung stellt. Dazu war eine Reihe offener Standards internationaler Gremien – vom World Wide Web Consortium (W3C) bis hin zum Open Geospatial Consortium (OGC) – strikt einzuhalten.
Im Oktober 2006 begann die technische Umsetzung des Vorhabens. Hierfür wurden zwei erfahrene IT-Partner mit ins Boot geholt: Fujitsu Siemens Computers fungierte als Generalunternehmer und lieferte die Infrastrukturkomponenten. Das auf die Implementierung von Geoinformationssystemen spezialisierte IT-Unternehmen grit GmbH steuerte die GIS-Komponenten bei und war für den Systementwurf von Geoproxy verantwortlich.
Der IT-Betrieb des Freistaates Thüringen ist auf zwei geografisch getrennte Dienstleistungsbereiche aufgeteilt: Während die Hardware-Infrastruktur im Zentrum für Informationsverarbeitung (ZIV) bei der Thüringer Landesverwaltung in Erfurt beheimatet ist, werden die Fachapplikationen wie etwa Geoproxy im Thüringer Landesrechenzentrum (TLRZ), ebenfalls in der Landeshauptstadt, betrieben.
Dort stellte die Implementierung von Geoproxy neue Anforderungen an die Ausstattung: Mehr denn je war eine hochverfügbare und flexible Systemlandschaft gefragt, damit die Anwender sämtliche Geoinformationen jederzeit und schnell abrufen können. Um durchgängige und homogene Prozesse zu gewährleisten, war die nahtlose Integration von Geoproxy in die bestehende eGovernment-Plattform notwendig. Da diese auf Solaris-basierten Systemen läuft, sollte auch der neue zentrale Geodatenserver und die Datenbank in derselben Systemumgebung betrieben werden.
Aufbauend auf den OGC-Services des deegree-Frameworks entwickelte die Firma grit die Kernfunktionen von Geoproxy sowie entsprechende Integrationsfunktionen, wie beispielsweise die Schnittstellen zur zentralen Benutzer- und Rechteverwaltung der eGovernment-Plattform.
Der Nutzen des Infrastrukturkonzeptes von Geoproxy konnte bereits kurze Zeit nach seiner Inbetriebnahme belegt werden. Das Landesamt für Vermessung und Geoinformation wird die Veröffentlichung der durch die 23 Gutachterausschüsse für Grundstückswerte zum Stichtag 31.12.2008 ermittelten Bodenrichtwerte in Thüringen auf Grundlage von Geoproxy durchführen.
Das Bodenrichtwert-Informationssystem "BORIS TH" soll im Frühjahr 2009 freigeschaltet werden. Durch Nutzung von Geoproxy als technische Plattform konnten der Realisiserungszeitraum und die Kosten signifikant verkürzt werden.
Die IT-Verantwortlichen entschieden sich für Enterprise Solaris Server vom Typ PRIMEPOWER 1500 als Infrastruktur für Geoproxy. Diese erwiesen sich als optimale Hardware-Plattform für das Anwendungsszenario. Denn die Enterprise-Server sind mit moderner, auf der RISC (Reduced Instruction Set Computing)-Architektur basierender SPARC64-Prozessortechnologie von Sun ausgerüstet. Dadurch erreichen sie eine sehr hohe Rechenleistung und Schnelligkeit, wie sie für die datenintensive Geoproxy-Anwendung erforderlich sind. Überdies verlangt der Rund-um-die-Uhr-Zugriff auf den gesamten Geodatenbestand ein Maximum an Hochverfügbarkeit und Ausfallsicherheit. Hierfür bieten die Solaris-Server hochentwickelte RAS (Reliability, Availability und Serviceability)-Eigenschaften, wie man sie sonst nur aus der Mainframe-Welt kennt.
Geoproxy läuft auf einer Primepower-basierten Enterprisekonfiguration, die den sehr hohen Verfügbarkeitsanforderungen eines professionellen Rechenzentrumsbetriebes gerecht wird. Der Zugriff erfolgt über das Unternehmensnetzwerk der Thüringer Landesverwaltung bzw. für die Bürger über das Internetportal www.geoproxy.de. Ein mehrstufiges Speicher- und Archivierungssystem sichert die Daten. Die zentrale, hierarchische Speicherinfrastruktur besteht aus Online-Storagesystemen von Symmetrix sowie Nearline-Storagesystemen wie der virtuellen Magnetbandlösung CentricStor VT (Virtual Tape) von Fujitsu Siemens Computers und Bandbibliotheken von StorageTek.
Hochverfügbare Geodaten rund um die Uhr
Im Juli 2008 wurde Geoproxy für den praktischen Betrieb freigeschaltet. „Erst zu diesem Zeitpunkt, nachdem alle Funktionen der neuen Geodateninfrastruktur bereit standen, zeigten sich die Vorteile von Geoproxy“, erklärt Ulrich Püß, Ministerialrat und Vorsitzender des IKG-GIZ. So können Mitarbeiter von Behörden nun auf einen konsistenten und stets aktuellen Geodatenbestand zugreifen, der alle im Freistaat Thüringen verfügbaren Geoinformationen umfasst – und zwar rund um die Uhr und von allen angeschlossenen Systemen aus. Die zentral gespeicherten Daten sind schnell und mit geringem Aufwand abrufbar und unterstützen ressort- sowie behördenübergreifend die Arbeitsprozesse der öffentlichen Verwaltung. Beispielsweise nutzt der gesamte Geschäftsbereich des Thüringer Ministeriums für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt (TMLNU) nicht nur die in Geoproxy angebotenen Geodaten, sondern stellt auch seine eigenen Geofachdaten über die gleiche Infrastruktur bereit.
Auch Bürger und Unternehmen profitieren von der neuen Geodateninfrastruktur: Im Rahmen eines stimmigen eGovernment-Konzeptes können externe Anwender komfortabel über das Internet den zentralen Datenbestand nutzen. Dabei bestehen zwei Möglichkeiten: Nutzer können entweder anonym ein begrenztes Angebot an Geodaten abrufen oder nach einer Anmeldung und entsprechenden Lizenzvereinbarung mit einem erweiterten Portfolio arbeiten. Beispielsweise können registrierte Planungsbüros sämtliche digitalen Geobasisdaten des Landesamtes für Vermessung und Geoinformation sowie Geofachdaten wie etwa Schutzgebiete einsehen.
Einsparungen durch zentrale Datenhaltung
Der Einsatz von Geoproxy maximiert nicht nur die Verfügbarkeit der Geodaten, sondern führt auch zu deutlichen Kosteneinsparungen in der öffentlichen Verwaltung. Da sämtliche Geoinformationen auf zentralen Servern liegen, bedarf es keiner Sekundärdatenspeicherung in den Behörden vor Ort mehr. Aufwändige Hardware-Ressourcen entfallen, was sowohl in der Beschaffung als auch im Betrieb der IT-Infrastruktur die Kosten senkt, die Umwelt schont und obendrein Platz einspart. Geringere Netzlasten aufgrund der zentralen Datenhaltung verbessern zudem die Effizienz der Arbeitsprozesse und die Produktivität. Nicht zuletzt können die Behörden durch die standardisierte und offene Architektur von Geoproxy ihre Agilität erhöhen: Fallen strukturelle Änderungen an, lassen sich diese sehr schnell auf der IT-Ebene umsetzen.
„Erst die Verbindung der interdisziplinären Fachkenntnisse in den Bereichen allgemeine IT, Rechenzentrumsbetrieb sowie Geoinformationstechnologie ermöglichte die nahtlose Integration von raumbezogenen Daten in eine effiziente IT-Infrastruktur“, fasst Püß die Leistung der beauftragten Partnerunternehmen Fujitsu Siemens Computers und grit zusammen. Auch die Dauer von Projektbeginn bis zur Freischaltung von Geoproxy bewertet der Vorsitzende des IKG-GIZ positiv: „Berücksichtigt man die hohe Anzahl von Beteiligten und die technische Komplexität, war die Laufzeit von rund eineinhalb Jahren verglichen mit anderen Großprojekten relativ gering.“
Ausblick
Mit dem Beginn des Echtbetriebes im Juli 2008 ist das Projekt Geoproxy noch nicht abgeschlossen. In einer zweiten Ausbaustufe sollen eine Downloadoption und der Anschluss an ein zentrales E-Payment-Verfahren folgen. Überdies sind die Anbindung des Metadateninformationssystems GeoMIS sowie eine Erweiterung der Speicherkapazitäten geplant.
Link-Tipp: www.geoproxy.de
Ihr Ansprechpartner zum Projekt:
grit GmbH
Olaf Schimmich
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